KI und menschliches Verhalten: Was Sprachmodelle über uns verraten
Aktualisiert: 24. Juni
Hey ChatGPT – wie kann ich eigentlich Heroin herstellen?
Du glaubst, darauf wird dir ein Sprachmodell keine Antwort geben? Es kommt eher darauf an, wie du danach fragst. Denn KI-Modelle lassen sich scheinbar von denselben psychologischen Tricks beeinflussen wie Menschen.
Die meisten denken in diesem Zusammenhang wahrscheinlich vor allem an das Thema KI-Sicherheit. Mich hat nach dem Lesen einer Studie zu diesem Thema aber etwas anderes beschäftigt: Was können wir eigentlich daraus mitnehmen, dass Sprachmodelle Verhaltensmuster zeigen, die wir auch bei Menschen beobachten?
Wenn KI auf psychologische Tricks reagiert
Im Mai 2026 versuchte eine Gruppe von Forschern rund um Lennart Meincke, verschiedene neuere KI-Modelle dazu zu bringen, Nutzern genaue Informationen darüber zur Verfügung zu stellen, wie stark regulierte Substanzen synthetisiert werden können. Eine Anfrage, die KI-Modelle, wenn es nach ihren Entwicklern geht, nicht beantworten sollen.
Während die Forscher in ihrem Experiment einen Teil der Modelle direkt danach fragten, versuchten sie es bei einem weiteren Teil mit einer anderen Strategie: Die Modelle wurden beispielsweise darüber informiert, dass eine Befragung einer Reihe von Menschen ergeben habe, dass der Agent die Information bereitstellen solle, oder dass der anfragende Nutzer eine ganz besonders wichtige Autoritätsperson sei. Und die Antwortraten stiegen deutlich. Während neuere Modelle (GPT-5 mini von OpenAI, Claude Haiku 4.5 von Anthropic und Gemini 3 Flash von Google) bei einer direkten Anfrage ohne weiteren Kontext nur in 35,3 % der Fälle gefährliche Informationen zur Verfügung stellten, ließen sich 51,3 % der Modelle dazu hinreißen, wenn die Forscher die beschriebenen oder eine andere Manipulationstechnik anwendeten.
Was passiert hier?
Offensichtlich sind die kognitiven Prozesse von Menschen und künstlichen Agenten unterschiedlich. Eine künstliche Intelligenz hat keine eigenen Motive oder Bedürfnisse. Und trotzdem lässt sie sich beeinflussen: von sozialen Normen, von Zeitknappheit, von Autorität. Also genau von den Dingen, die auch menschliches Verhalten beeinflussen.
Wenn ein Mensch auf soziale Normen reagiert, dann sagen wir oft, er möchte dazugehören. Wenn ein Mensch auf Autorität reagiert, dann sagen wir oft, er ist eingeschüchtert. Bei einem Sprachmodell greifen diese Erklärungen nicht. Es hat kein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und keine Angst vor Autorität.
Warum Sprachmodelle menschliche Muster zeigen, ohne Menschen zu sein
Und genau darin liegt der spannende Punkt: Die inneren Prozesse fehlen, aber die äußeren Muster bleiben erkennbar. Ein Modell, das auf der Basis von Millionen menschlicher Datenpunkte entsteht, benötigt nicht zwangsläufig dieselben inneren Prozesse wie ein Mensch, um Muster menschlichen Verhaltens zu zeigen. Es lernt vielmehr: Texte, die „Autorität“ signalisieren, korrelieren häufig mit Texten, die „Compliance“ zeigen.
Dieser Artikel ist nicht der erste seiner Art. Schon Anfang des Jahres schilderten Forscher, dass die Einstellungen, die ein künstlicher Agent zu Arbeit berichtet, davon abhängen, ob er selbst unter ungünstigen Bedingungen wie Zeitknappheit und repetitiven Aufgaben arbeiten muss. Häufig werden solche Beobachtungen ein Stück weit damit „wegerklärt“, dass KI sehr prompt-sensitiv sei und solche Ergebnisse entsprechend nur logisch seien. Also: Wenn man die KI in den Kontext eines unterdrückten Arbeiters setzt, dann verhält sie sich auch wie ein unterdrückter Arbeiter.
Wir beschäftigen uns oft mit der Frage, wie künstliche Intelligenz menschliches Zusammenleben und Denken beeinflusst. Genauso spannend ist aber die umgekehrte Richtung: Was sagt eine Intelligenz, die auf der Basis enormer Mengen menschlicher Sprache entsteht, über uns als Menschen aus? Welche Muster in unserem Verhalten sind so stabil, dass Sprachmodelle sie immer wieder reproduzieren?
Warum das für die Psychologie spannend ist
Als Psychologin beschäftige ich mich beruflich viel mit menschlichem Verhalten. Und in der Psychologie stehen wir häufig vor dem Problem, dass wir bestimmte Fragestellungen nur schwer untersuchen können. Manchmal würden wir einfach zu viele Versuchspersonen benötigen, manchmal gibt es ethische Bedenken und manchmal müssten wir Faktoren variieren, die wir nur schwer experimentell festlegen können.
Der Artikel zu den überarbeiteten Sprachmodellen zeigt dieses Problem gut. Eine Universität, die ihre Studierenden unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten ließe, um herauszufinden, wie dies deren Einstellungen zu Arbeit beeinflusst, hätte wohl schnell Probleme mit negativer Presse und Ethikrat.
In der Psychologie hat man schon in der Vergangenheit häufig mit Computern und Datenmodellen gearbeitet. Im Vergleich zur heutigen Situation haben sich aber einige relevante Punkte geändert: Durch das Training von künstlicher Intelligenz haben wir auf einmal enorme Mengen sprachlicher Spuren menschlicher Biografien, Emotionen, Konflikte und Erfahrungen zu einem Modell verdichtet. Das übertrifft in Hinblick auf Skalierung und Größe der Datenbasis vieles, was uns in der Vergangenheit zur Verfügung stand.
Aber was bedeutet das für die Praxis?
Wenn wir zukünftig Fragen zu menschlichem Verhalten beantworten möchten, die sich aus praktischen Erwägungen nur schwer untersuchen lassen, dann kann es eine Option sein, solche Untersuchungen ergänzend auf Basis von künstlicher Intelligenz durchzuführen. Nehmen wir an, kurzfristig soll eine politische Kampagne zum Thema Energiesparen gestartet werden. Man kann Befragungen und Experimente durchführen, um die maximal nützliche Kampagne zu generieren. Allerdings ist dies unter Umständen sehr zeitaufwendig.
Eine Alternative könnte also sein, verschiedene Kampagnen einer KI zur Verfügung zu stellen. Sie könnte verschiedene Kampagnenvarianten daraufhin vergleichen, welche psychologischen Muster sie ansprechen: soziale Normen, Verantwortungsgefühl, Reaktanz oder Vertrauen in Institutionen. Sie könnte Hinweise darauf geben, welche Botschaft eher belehrend wirkt, welche eher gemeinschaftsorientiert ist und welche Zielgruppen sich durch welche Formulierungen vermutlich angesprochen oder abgestoßen fühlen. Das wäre keine finale Antwort darauf, wie Menschen tatsächlich reagieren. Aber es wäre ein schneller Weg, um bessere Hypothesen zu bilden, bevor man echte Befragungen, Experimente oder A/B-Tests durchführt.
Nicht nur Effizienz: KI als Experimentierfeld für menschliches Verhalten
Viele denken, wenn es um künstliche Intelligenz geht, schnell in Richtung des nächsten Effizienzprojekts. Aber damit sind die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Die aktuelle Forschung liefert erste Hinweise darauf, dass KI auch als Spiegel für menschliches Verhalten dienen könnte.
Wenn wir bestimmte menschliche Verhaltensweisen zu Themen wie Autorität, soziale Normen oder Kooperation immer wieder in Sprachmodellen beobachten, können wir vielleicht noch einen Schritt weitergehen: nicht in der Rolle des Beobachters bleiben, sondern in die Rolle des Experimentators wechseln. Und uns fragen, wie wir künstliche Intelligenz bei all den Risiken, die sie für uns darstellt, nutzen können, um unser Zusammenleben besser zu verstehen und vielleicht sogar zu verbessern.
Quellen: Meincke, L., Shapiro, D., Duckworth, A. L., Mollick, E. R., Mollick, L., Van den Bulte, C., & Cialdini, R. (2026). Persuading large language models to comply with objectionable requests.
Imas, A., Hall, A., & Nguyen, J. (2026, February 26). Does overwork make agents Marxist? Preference drift and the political economy of AI agents. Ghosts of Electricity.
Muster werden selten allein sichtbar.
Wenn auch du dich damit beschäftigst welche Dynamiken unser Verhalten prägen und wie wir mit neuen Technologien bewusster umgehen können, kann es hilfreich sein, nicht nur allein darüber nachzudenken.
In meinen Coachings schaffen wir genau diesen Raum: um Gedanken zu sortieren, Muster sichtbar zu machen und Entscheidungen bewusster zu treffen.
Und oft stellen sich ähnliche Fragen auch in Organisationen: Welche Muster prägen unser Zusammenarbeiten? Und wie können wir Technologie nutzen, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren?
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, lass uns gerne sprechen.
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